ROBERT KRAISS FRENCH RUBBING TRANCE BLEEDING

AUSSTELLUNG 7. September - 5. Oktober 2019   KÖLN

Ausstellungsansichten © by Simon Vogel, Köln

Ausgewählte Werke (zum vergrößern auf Foto klicken) © by Simon Vogel, Köln

French Rubbing Trance Bleeding

Oh weh, das Zentrum wurde leergefegt! Dabei wirkt es eigentlich einfach nur sauber, diese Art von sauber, welche man heute „clean“ nennt. Es ist erstaunlich, was aus den kleinen Geschäften wurde - welche überlebten, welche verschwanden. Traurig harren die einstigen Prunkbauten der Kaufhäuser einer neuen Verwendung. Doch die Zeit verlangt nun nach mittelgroßen Geschäften in denen ein Portfolio von Marken präsentiert wird oder eine Marke sich selbst zelebriert - sie kennen diese Klage verehrter Leser, ja, in allen Städten, die selben Marken.

Sie ahnen es bereits, der Autor versucht sich an einer kulturkritischen Allegorie. Etwas zickig könnte er auf noch bestehende regionale Unterschiede hinweisen, auf die Menge dessen was man im Angebot deutscher Städte von der Marke „Die Brücke“ finden kann, aber kaum was von… Doch diese Besonderheit bestärkt nur auf den Eindruck, daß hierzulande der Kunstkanon, insbesondere jener der Moderne, strikt eingegrenzt ist. Museen wie das D’Orsay im Paris oder das Musée Fin-de-Siècle in Brüssel sind hier undenkbar. Eher in kleinen Museen entdeckt man ab und an verwirrend aufregendes. Als in den USA und Deutschland während der 50er und 60er die Geschichte der Moderne neu geregelt wurde und der haltlose Begriff des Kitsches als effizienter Kehrbesen fungierte, war man in Frankreich gnädiger. Vielleicht aufgrund des Nachhalls de Sades Denkens in der Psychoanalyse, im Symbolismus, Surrealismus und wie es über Georges Batailles Ideenwelt dann die frühe Postmoderne prägte. Doch auch die Postmoderne ist längst sauber leergefegt.Muss ich es noch erwähnen? - Die Maltechniken sind es offensichtlich ebenfalls. Dabei korreliert der Eindruck, daß alles bereits probiert wurde, mit dem Befund einer gewissen Stilarmut auf heutigen Leinwänden. Robert Kraiss arbeitet fern dieser, ja keineswegs zwingenden Korrelation. Wobei man seine Arbeitsweise nicht alleine als Mal- oder Zeichentechnik verstehen mag, sondern zugleich als Kommentar der Malerei, des Akts des Zeichnens, der Bilder und ihrer Reproduktion. Die Komplexität seiner Bildsprache scheint den wissenden Betrachter zu fordern. Aber ebenso öffnet sie sich der persönlichen Interpretation - wenngleich still widerstrebend. Doch blicken wir in einer seiner aktuellen Arbeiten auf den Künstler als Conan der Barbar, so scheint es, als ob sich Robert Kraiss’ Kunst eigentlich auf diese Interpretationen freue.

Die neuen Werke haben ihren Beginn in kleinen Zeichnungen, solche, wie er sie des Abends im Kreis der Familie anfertigen kann, ohne sich ins Atelier abzusetzen. Hier kamen auch die Motive, welche wir nun in vergrößerter Form sehen, ins Spiel. Sie berichten von von jenen Vergessenen der Moderne, den viel zu Unanständigen, als daß die Hohe Kunst sie länger in ihrem Haus hätte ertragen wollen. Und heute? Schmückten ihre Werke in den frühen 80ern noch Buchhüllen postmodern feministischer oder an den Mysterien der Sehnsüchte oder der Körperlichkeit interessierten Literatur, so gelten diese unanständigen Künstler heute als problematisch: Werden in ihren Werken nicht Frauen zu Objekten der Betrachtung?

Schlecht erging es besonders entsprechenden Künstlerinnen, die sich im 20ten Jahrhundert in einer noch komplett von Männern dominierten Szene durchsetzten. Heute stehen ihnen ihre Sujets der Befreiung im Weg. Die Malerin und Literatin Leonor Fini wird, wenn überhaupt, im „Museum of Sex“ gewürdigt, Jane Gravenol schaffte es auf die Hüllen von Science Fiction Büchern, die Kunstgeschichte murmelt abfällig was von „Magritte Adeptin“, Leonora Carrington bleibt die Frau an der Seite von Max Ernst, es finden sich immer Gründe und nur wenige, die widersprechen. Und von als handwerklich ungeschickt und thematisch verkitscht geltenden Malern wie Clovis Trouille lässt der Kurator besser die Finger.

Aber bei diesen - mittlerweile - Aussenseitern der Moderne findet sich etwas, das den Blick des Künstlers interessiert, wo die Komposition nicht den ungeschriebenen Regeln gehorcht, die Farbwahl verblüfft oder ungewohnte Linienführung inspiriert. Und dann? Man könnte es als sein Eigentum ausgeben, dies passiert auch oft genug. Doch Robert Kraiss’ Werk entsteht zwischen Verweis, technischer Herausforderung und Distanzierung. Hier wird auch klar, daß eine Abbildung unweigerlich einen Objektcharakter haben muss. Und dann kommt dieses Objekt an den Betrachter heran.

Und wen erblicken wir? - Auch jenseits der bekannten Unterstellung, daß alle Portraits letztlich Selbstportraits seien, ist diesmal der Künstler sehr präsent, wenn auch auf eine Weise, die ihn entweder wie einen nicht zur Gänze motivierten Schauspieler zeigen oder in der dekadenten Perspektive als jemanden, der etwas verblüfft in den Bildraum tapperte und die dort auf ihn wartende Rolle schlafwandlerisch, ja gleich in Trance annimmt. Wird es gut enden?Auch in dieser Perspektive erleben wir in den Werken ein spannungsvolles Hin und Her aus Unmittelbarkeit und Distanz. Entstanden die Sujets gar auch in der Art einer Écriture automatique? Oder sind sie nicht doch vielmehr kalkulierter Fingerzeig auf die Technik, gleich einem Essay über Darstellung, derweil die Objekte nur im Sinn des Betrachters ihr Eigenleben beginnen. Oder ist auch dieses Eigenleben gesteuert? Man könnte solche Vermutungen auch sofort wieder mit dem Vorwurf der Überinterpretation an die Leine nehmen: „Nun mal nicht ganz so unmittelbar, Betrachter!“, sagen die dann. Ein Blick fällt bei Kraiss jedoch stets auf die eigentlich unmotiviert wirkenden Bereiche, die Flächen, welche er in seinen kleinen Zeichnungen mit dem Radiergummi bearbeitet und die in seinen großen Werken letztlich den besten Einblick auf seine dort angewandte Technik geben: Jene mit rotierenden Stiften geschaffene, unruhige post impressionistische und auch technische Gleichmäßigkeit. Nicht wenige Betrachter vermuteten in diesen Flächen eine psychedelische Qualität, ein Flirren welches in aller Gleichmässigkeit des Auftrags aus der Fläche in eine imaginierte oder sinnbefreit wirksame Wahrnehmungswelt strebt. Für einige Tage wird nun diese Welt gegenüber dem Ausstellungsraum der Galerie Norbert Arns in einer ehemaligen Textilreinigung realisiert:

Mozambique Primal Scream

Alles was als ein Zu Viel aus den künstlerischen Erwägungen verschwindet, kommt hier zum Einsatz. Die Fussohlen fühlen den Untergrund, Musik schallt aus Kopfhörern und eine 3D Brille erwirkt jenen geahnten Effekt in Robert Kraiss Malweise: es stülpt sich die dritte Dimension aus der Fläche.

Was berichtet dieses unverfrorene Sinnlichkeit von der Distanz? Wagen und Vermeiden im steten Pendeln ist ein Kriterium aktueller Kunst. „Dies und das geht nicht weil…“ - so lauten durchaus nachvollziehbare künstlerische Erwägungen. Gedankentürme, als vielgliederiges System aus der offensichtlich problematischen Frage nach dem Bild. Ein Bild, welches nur noch von den alten Aussenseitern belebt wird, sich an den Rändern nährt und dem Betrachter einiges abverlangt. Doch halb resümierend sagt Robert Kraiss in einem Interview mit sich selbst: „Ist das alles nicht nur ein Vorwand für eine letztendlich ziemlich expressive individuelle Tätigkeit?“

Seine Selbstgespräche im Bildraum wie im physischen Raum zu erleben, bleibt ein Abenteuer. Und Abenteuer sind längst schon etwas rares in unseren cleanen Städten.

Jacintho Tepel